"Man kommt nur weiter, wenn man zu sich selbst steht"

Wenn Stefanie Werle ihre beiden Hörgeräte abschaltet, ist die Welt um sie herum still. Völlig still. Nicht das lauteste Geräusch dringt dann zu ihr durch. Seit der Geburt ist Stefanie gehörlos. Trotz dieser Behinderung führt die 25-jährige ein ganz normales Leben und macht bei E.ON Energie in München eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Ihre Devise: Man kann alles schaffen, wenn man nur will.

 

Fröhlich strahlen die Augen in Stefanies hübschem Gesicht, wenn sie lacht. Sie lacht oft und herzlich, während sie erzählt. Im Gegensatz zu vielen anderen Gehörlosen, kann Stefanie ganz normal sprechen, nur die Betonung verrät, dass sie sich selbst nicht hören kann. "Meine Mutter hat immer großen Wert darauf gelegt, dass ich sprechen lerne. Sie hat mit mir als Kind unermüdlich Sprechen und Lippenlesen geübt." Mit 19 hat sie überhaupt erst die Gebärdensprache gelernt.

 

Zu E.ON Energie kam Stefanie über ein Praktikum in der Personalentwicklung.

"Ich habe mich danach sofort um einen Ausbildungsplatz beworben, denn das Praktikum hat mir super gefallen."

Zuvor hatte sie bei ihrem ersten Arbeitgeber nur negative Erfahrungen gemacht: "Ich musste den ganzen Tag nur langweilige Dinge wie Ablage machen und mein Chef hat mir überhaupt nichts zugetraut", erzählt sie. Daher brach sie die Ausbildung zur Steuerfachangestellten nach einem dreiviertel Jahr ab.

 

 

Viel Kontakt zu Menschen

Im Februar ist Stefanie mit ihrer Ausbildung fertig. Ihr Ziel ist klar: Sie möchte am liebsten bei E.ON Energie bleiben. Auf die Frage, warum, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Weil mir die Arbeit hier viel Spaß macht und eine gute Atmosphäre im Unternehmen herrscht. Ich hatte nie Probleme bei meiner Arbeit oder mit den Kollegen und wurde von allen gleich behandelt." Neben der vielseitigen praktischen Ausbildung schätzt Stefanie auch die Seminare und Weiterbildungsmöglichkeiten, die E.ON Energie den Azubis bietet. "Ich fühle mich hier im Unternehmen einfach sehr wohl", betont sie. Schön findet sie auch, dass sie soviel mit Menschen zu tun hat. "Eigentlich wollte ich ja Ärztin werden", verrät Stefanie. Dies war aber aufgrund ihrer Behinderung nicht möglich.

 

 

Das Beste daraus machen

Den Kopf deswegen in den Sand zu stecken - dafür ist Stefanie nicht der Typ. "Ich kann nichts daran ändern, dass ich gehörlos bin, deshalb muss ich das Beste daraus machen." Stefanie ist ein Kämpfertyp. Das zeigt sich auch in ihrer Freizeit: Drei Mal die Woche trainiert das Energiebündel Taekwondo. "Ich male, koche und lese aber auch sehr gern und gehe mit meinen Freunden weg." Außerdem möchte sie an der VHS besser Englisch lernen. Danach steht Spanisch auf dem Programm.

 

Die 25-jährige, die die ersten vier Jahre ihres Lebens in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten verbracht hat, ist ein Paradebeispiel dafür, dass Menschen mit Behinderungen genauso leistungsfähig sind wie nicht behinderte. Im Job, in der Freizeit &- Stefanie führt ein ganz normales Leben. Stolz erzählt sie, dass sie seit fünf Jahren alleine wohnt und auf keine Hilfe angewiesen ist. "Ich habe zum Beispiel einen Lichtwecker, der mich morgens weckt."

 

Anderen behinderten jungen Menschen rät Stefanie, keine Angst davor zu haben, sich für einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Man muss offen sein und den Mut haben, auch mit einer Behinderung am Leben teilzunehmen. Denn:"Man kommt nur weiter, wenn man zu sich selbst steht."

 

 

Interessante und abwechslungsreiche Ausbildung

 

Eine gute Entscheidung. "Bei E.ON Energie habe ich gemerkt, wie interessant eine Ausbildung sein kann und wie viel uns hier beigebracht wird", sagt Stefanie. Zweieinhalb Jahre durchläuft sie im vier Wochen-Rhythmus verschiedene Abteilungen und Gesellschaften - zum Beispiel den Personalbereich im Buchhaltungscenter Nürnberg oder das Controlling bei der E.ON Sales & Trading. Im Moment ist Stefanie für eine Station im Einkauf bei E.ON Energie in München. Hier schreibt sie Rechnungen und Geschäftsbriefe, legt Bestellungen an und tätigt Einkäufe. Stefanie arbeitet ganz normal in der Abteilung mit. "Ich kann alles machen außer telefonieren. Das erledige ich dann per E-Mail." Dank ihrer Hörgeräte nimmt sie zwar das Klingeln ganz normal wahr, "doch die Stimme am Telefon höre ich nur verschwommen und daher verstehe ich kaum etwas."

 

Neben der praktischen Ausbildung im Konzern besucht Stefanie wie alle anderen Azubis die Berufsschule. "Am Anfang war das sehr hart, da ich die Lehrer nur durch Lippenlesen verstehen kann. Wenn sie aber nicht direkt vor mir standen, bekam ich nur die Hälfte mit", erinnert sie sich. Daher hatte sie zeitweise einen Dolmetscher, der ihr das Gesagte in Gebärdensprache übersetzte. Das war eine große Umstellung für Stefanie. "Vor allem Rechnungswesen war übel", sagt sie und lacht.

 

 



 

 

 

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